Demokratie im Süden versus Zensurversuche + IMV Termine, IMV Newsletter Februar 2011

Müssen es denn unbedingt Twitter- oder Facebook-Revolutionen sein in Tunesien und Ägypten? Ja, es sind vor allem junge Leute und jahrelang haben sie sich damit begnügen müssen, ihre Sorgen, Wünsche und Gedanken in Blogs wie http://www.manalaa.net/, http://baheyya.blogspot.com/ oder den von Wael Abbas http://misrdigital.blogspirit.com/ (der übrigens in Englisch twittert – http://paper.li/waelabbas) oder auch http://debatunisie.canalblog.com/ niederzulegen oder zu verarbeiten. Aber es bliebe zu untersuchen, ob die Proteste in immer mehr arabischen Ländern von diesen Faktoren relevant abhängig sind oder nicht.

Dass die neuen Medien Diktatoren Angst machen (und nicht nur denen), sieht man an den Zensurversuchen: http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2011/01/28/International/Internetzensur-Das-hat-es-in-Aegypten-noch-nie-gegeben – für Laien freilich nur…
Aber die Zensurversuche betreffen eben auch die klassischen Medien, wovon nicht nur die Al Jazeera Korrespondenten (nicht) berichten können: http://www.faz.net/s/Rub87AD10DD0AE246EF840F23C9CBCBED2C/Doc~EC3C84D2A252D4617A82D649E0661ED48~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Al Jazeera English – mit der Erklärung des Armee-Verantwortlichen
http://english.aljazeera.net/news/middleeast/2011/02/20112113115442982.html

Gute Fragen stellt US-Ägypter Ahmed Rehab – vor Ort!
http://www.ahmedrehab.com

Mona Naggar über die Beteiligung von Männern und Frauen an der Revolution
http://www.nytimes.com/2011/02/02/world/middleeast/02iht-letter02.html?_r=1&ref=global-home

Obwohl sich unsere Kommentatoren eine Revolution in Ägypten ohne Muslimbrüder oder einen neuen Pharao – diesmal soll er elBaradei heißen – anscheinend nur schwer vorstellen kann (s. aktuelle Zaman-Kolumne von Sabine Schiffer weiter unten und http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1376969/), ist die deutsche Berichterstattung bisher relativ differenziert und vielseitig (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742809,00.html).

Gefahr lauert allerdings von der PR-Maschine, die angelaufen ist, um Gefahren einer Demokratie in Ägypten heraufzubeschwören und schon einmal vorsorglich elBaradei, der bisher kaum eine Rolle spielt, als Freund des Irans zu denunzieren.
http://www.pi-news.net/2011/01/der-iran-versteher-mohammed-el-baradei/
http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/142076

Nun, diese Entwicklung könnte durch die in Jordanien überholt werden…
Übersestzungen aus arabischen Medien liefert regelmäßig: http://www.mideastwire.com/

Man will doch sicher mehr als nur „eine Demokratie im Nahen Osten“, oder?!
http://www.jungewelt.de/2011/02-01/060.php

Die bisherigen „Nutznießer der Repression“ tun sich schwer mit dem, was man so gerne im Munde führt: Demokratie und Menschenrechte!
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57996

Wenn es allerdings stimmt, dass sich im Mittelmeer die Flotte positioniert, dann…
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57997

——————

IMV Termine

07.02.11

  • Berlin
    • 19:00 Uhr
    • Der Feind im eigenen Land – Islamhass in Deutschland und historischer Antisemitismus
    • Clash im Mehringhof, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
    • Veranstalter/weitere Infos bei:
      junge Welt

10.02.2011

  • Marburg
    • Konflikte und Konfliktregelung in der MENA-Region
    • 18:00 Uhr
    • “Medien und die Kulturalisierung von sozialen Konflikten”
    • Philipps-Universität Marburg, Centrum für Nah- und Mitteloststudien, Deutschhausstr. 12, 35032 Marburg
    • Veranstalter/weitere Infos bei:
      Centrum für Nah- und Mitteloststudien

16.02.2011

  • Berlin
    • AK Nahost
    • 19:00 Uhr
    • “Antisemitismus und Islamophobie”
    • Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin
    • Veranstalter/weitere Infos bei:
      AK Nahost Berlin

19.02.2011

  • München
    • 18.30 Uhr
    • “Medien, Macht und Manipulation”
    • München, Eine Welt Haus, Schwanthalerstr. 80 RGB, 80336 München
    • Veranstalter/weitere Infos bei:
      EineWeltHaus München

Von der dritten Welt lernen

Protest und Demokratie

Da können wir uns eine Scheibe von abschneiden! Erst verjagen die Tunesier ihren Diktator Ben Ali und nun gehen die Ägypter unter noch gefährlicheren Umständen auf die Straße. Auch in anderen arabischen Ländern brodelt es. Längst überfällige Reformen und echte Demokratie wird eingefordert – von Menschen, die man hier vor allem als „demokratieunfähig“ erachtete. Dabei waren es nicht zuletzt unsere Regierungen, die die Despoten vor Ort an der Macht hielten – peinlich. Aber nicht nur das. Schließlich nehmen wir als „Demokraten“ unsere Regierungen nach wie vor hin – trotz derer Menschen- und Völkerrechtsverletzungen. Und wir nehmen hin, dass die Mehrheit des Bundestages gegen die Mehrheit der Bevölkerung entscheidet und den Krieg in Afghanistan um ein weiteres Jahr verlängert.

Während man bei Populisten wie Thilo Sarrazin gerne Umfrageergebnisse zur Rechtfertigung ausgrenzender Politrhetorik verwendet, treten die „Volksvertreter“ in Bezug auf die Ablehnung des Krieges weniger dafür ein, „die Mehrheitsmeinung ernst zu nehmen“. Verräterischer Doppelstandard! Aber auch das nehmen wir brav hin. Und während man sich noch als Hort der Zivilisation, Freiheit und Demokratie wähnt, ziehen andere an uns vorbei.

In Lateinamerika haben die landlosen Bauern solange für ihre Rechte gekämpft, bis sie Landwirtschaft für die Menschen statt der Industrie betreiben konnten. Viele verfügen heute über eigenes Saatgut und sind nicht von Großkonzernen abhängig. Dies bildet die Basis für ein stärker werdendes demokratisches Verständnis in Lateinamerika, denn ohne Ernährungssouveränität gibt es keine Selbstbestimmung.

Auch hinter dem erfolgreichen Kampf gegen die Privatisierung des Wassers in Bolivien steckt mehr als nur die Sorge um eine Wasserversorgung auch für die Armen. Es geht um Unabhängigkeit, von der zuweilen viel geredet wird, die man aber aus Gründen des industriellen Wachstums nicht fördert. Während wir auf Figuren wie Hugo Chavez oder Fidel Castro starren, geht eine echte demokratische Bewegung von den Völkern aus. So verschafften sich die indigenen Völker Amerikas zunehmend Gehör und haben es erreicht, dass „Mutter Erde“ eine juristische Größe wird. Dies setzt dem Wachstum und der Erdzerstörung klare Grenzen und fördert eine humanere, ökologische Wirtschaft. Sie scheinen wirklich verstanden zu haben, dass man Geld nicht essen kann.

Und nun erhebt sich das arabische Volk. Und es gehört ja wahrlich mehr Mut dazu, in Kairo oder Sanaa auf die Straßen zu gehen, als in Berlin oder Stuttgart. Noch! Denn die Repressionen in Stuttgart könnten einen Vorgeschmack geben auf das, was Demonstranten zukünftig zu erwarten haben. Nun, das soll kein Vergleich unserer Regierungsvertreter mit Tyrannen à la Mubarak sein – aber für Protest gibt es auch hier genug Gründe. Dabei wird es nie ausreichen, seine Erkenntnisse ausschließlich im Internet zu pflegen, wie es so manche Jubelbotschaft über Twitter und Facebook Glauben machen könnte. Wenn die Undemokraten weg sind, stehen die Daten ja weiterhin im Netz.

Auch in Schwarzafrika und Indien machen sich Bauern, Landlose, Verarmte auf den Weg – auf den Weg zu uns oder zu einer echten Demokratie vor Ort. Sie wollen ein Leben und sie haben ein Recht darauf. Vermutlich würde sie ein Wohlstand wie unserer auch davon abhalten für mehr Gerechtigkeit einzutreten. Als logische Konsequenz wird heute die Demokratie nicht in Europa, sondern in der dritten Welt verteidigt. Wir sollten uns mit den Menschen dort solidarisieren – nicht nur, weil es sie sind, die gerade uns helfen!