IMV Newsletter September 2020 – Von der Journalist’s Journey zur Leser_innen Journey

Liebe Interessierten,
dieser Newsletter beginnt mit einem Leserbrief. Es folgen noch weitere Texte von Uwe Schnabel aus Dresden, der in seinem politischen Engagement viele Erfahrungen mit Medien gemacht hat und ein kritischer Beobachter des Zeitgeschehens ist. Seine Überlegungen und Kriterien der Beurteilung dürfen gerne zu weiterer Diskussion anregen – im Newsletter, aber auch auf unserem Blog www.medien-meinungen.de.

Leserbrief:
Im IMV-Newsletter Juni 2020 vom 02.06.2020 wurde der journalistische Arbeitsalltag unter der Überschrift “Die Journalist’s Journey – Von der Idee zum Text” beschrieben. Gleichzeitig wurde angeboten, dies als Beginn von Beiträgen zu diesem Thema zu sehen. Dieses Angebot nehme ich gern an.

Dabei verwende ich verschiedene geschlechtsneutrale Bezeichnungen (z.B. “I”, “*”, “_”). Ich könnte in diesen Fällen auch generell die weibliche Form verwenden können. Aber ich wollte betonen: Männer sind in diesen Fällen immer mitgemeint. 😉
Ich selbst bin kein*e JournalistIn, Medien- oder Kommunikationswissenschaftler_in. Ich beobachte und analysiere nur aufmerksam und kritisch. Dabei ist mir einiges ein- und aufgefallen. Diese Beobachtungen teile ich gern, jeweils verbunden mit Fragen.

Zum Text aus dem IMV-Newsletter Juni 2020 (alle Zitate aus dem Text https://medienverantwortung.de/2020/06/04/newsletter-juni-2020):
Ähnliche Aussagen über Abläufe im journalistischen Arbeitsalltag in den Redaktionen kenne ich auch aus verschiedenen anderen Quellen, z.B. von einer Regionalzeitung. Bevor ich aber dazu komme, einige Zitate aus dem Newsletter:
“vor der Arbeit machen sich viele Redakteur*innen schon ein Bild von der Nachrichtenlage des Tages via Radio, Social Media und TV, bzw. Print- und Online-Nachrichten der Konkurrenz.” “Material aus den Nachrichtenagenturen beziehen,” “die genau so übernommen werden können” “Grundsätzlich ist wichtig zu wissen, dass vorformulierte Information Zeit spart und dadurch für Journalist*innen so notwendig wie praktisch ist.”
Ist es dann ein Wunder, wenn so der Eindruck entsteht, viele Medien schreiben das Gleiche? Und warum wurden bei der Aufzählung (z.B. “Agenturen”, “staatliche oder öffentliche Institutionen”, “Polizei und Bundesbehörden”) PR-Agenturen oder direkt wirtschaftlich Mächtige nicht erwähnt?

“Welche Zielgruppe will das Medium ansprechen? Platt gesagt: Bei der taz würde der runde Todestag von Che Guevara sicher stärker das Kerninteresse der Leser*innen treffen, als bei der FAZ.”
Ist das nicht die Beschreibung von Echokammern und Filterblasen? Führt das nicht dazu, dass die Gesellschaft in verschiedene Gruppen aufgespalten wird, die jeweils sich in ihrer Meinung bestätigen?

“Welche Ideen haben Redakteur*innen, welche fachlichen und persönlichen Interessen und Spezialgebiete bringen sie mit?”
Nur die Redakteur*innen? Oder gibt es auch eine prinzipielle Tendenz des jeweiligen Mediums (“Als eher konservativ ausgerichtetes Medium”)? Und gibt es insgesamt in der Gesamtgesellschaft eine vorherrschende Tendenz, den Mainstream (s.o.)? Hat diese Tendenz etwas mit den wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnissen zu tun? Sollte nicht überhaupt gefragt werden, welche bewussten oder unbewussten Interessen hinter einer bestimmten Darstellung stehen, selbst wenn diese nicht ausdrücklich genannt werden?

“Letztendlich kommt es auch darauf an, wer auf welchen Zugang kommt und wer sich mit seinem Thema durchsetzen kann.”
Führt das nicht dazu, wer die meiste Macht hat, setzt sich im Regelfall durch?

“Kommt es aber an diesem Tag zu einem unvorhergesehenen Ereignis, dem die Redaktion z.B. internationale Bedeutung beimisst – wie eine Naturkatastrophe, eine weitreichende politische Wende oder ein terroristischer Akt – so wird diesem Ereignis nachrichtlich Vorrang gegeben.” “Bei „größeren“ Verbrechen, Unfällen oder Katastrophen”
Warum werden gerade solche Ereignisse als wichtig betrachtet? Wird damit nicht Angst erzeugt und verfestigt? Auch ich erlebe, dass in bestimmten Medien häufig auch über kleinere Kriminalität, Unglücke, Unfälle und Katastrophen berichtet wird.

Für ähnliche Überlegungen siehe auch:
Michael Meyen: Wie die Nachrichtenwerttheorie Realitäten verschleiert. In: Michael Meyen (Hrsg.): Medienrealität 2018. https://medienblog.hypotheses.org/1460 (Datum des Zugriffs: 25.08.2020)
Hinzu kommt:
Besondere Ereignisse haben einen größeren Nachrichtenwert als alltägliche. Gleichzeitig hat mir auch ein Werbefachmann bestätigt, dass sich Dinge besser gemerkt werden, über die häufiger berichtet wird. Beides zusammen führt dazu, dass sich eher die Ausnahme als die Regel gemerkt wird, also Vorurteile verstärkt werden, statt Zusammenhänge und Hintergründe begriffen werden.

“Recherchen, die z.B. Missstände aufdecken”
Missstände oder logische Folgen unseres Wirtschafts- und damit verbundenen politischen Systems?

“Ein jüngeres Beispiel für eine bedeutende Investigativ-Recherche sind die Enthüllungen Edward Snowdens”
Warum spielten diese nur eine Zeitlang eine größere Rolle, während gegenwärtig eher von angeblicher russ(länd)ischer oder chinesischer Spionage die Rede ist? Stecken dahinter auch bestimmte Interessen?

“Allein schon weil ihnen zeitnah keine Alternativen zugänglich sind, reproduzieren Redakteur*innen mit der Bildauswahl gängige Stereotype.”
Das ist eine Möglichkeit. Aber sind nicht auch im Kopf der Redakteur*innen bestimmte Stereotype vorhanden, die sie reproduzieren? Und wenn sie ausdrücklich dagegen handeln, riskieren sie nicht breite Angriffe bis hin zu Diffamierungskampagnen? Fördert das nicht auch Stereotype?

Warum wurden diese Fragen im Text nicht selbst gestellt? Könnte es sein, dass diese Vorgehensweise von vielen als selbstverständlich angesehen wird, dass gemeint wird, dass es gar nicht anders sein kann?
Welche Interessen stehen dahinter, dass es genauso abläuft, welche Systeme und Strukturen?
Ich will verstehen und erklären, es nicht einfach nur beschreiben und als gegeben hinnehmen.

Uwe Schnabel, Dresden

Und hier geht es weiter: https://medien-meinungen.de/2020/08/medienbeobachtungen-eines-kritischen-buergers

IMV News
Wir arbeiten in den letzten Wochen und Monaten viel an unserem Webauftritt – also eher im Stillen. Nicht, dass die aktuellen Ereignisse nicht unsere Aufmerksamkeit verdienten. Unsere Kommentare dazu finden Sie derzeit fast ausschließlich auf Twitter: @IMV_Berlin und @IMVErlangen – um die Kanäle anzusehen, braucht man sich nicht auf Twitter anzumelden.
In diesem Sommer sind einige Publikationen vorbereitet worden, über deren Erscheinen wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden halten werden.

Wer kann und möchte, wir freuen uns über jede Unterstützung. Danke!

MV Termin  
Dienstag, 15.09.2020, 19.30 Uhr Veranstaltungsort: URANIA Berlin An der Urania 17, 10787 Berlin Diskussionsabend: Trennung von Religion und Staat nur für Muslime?
Referentin und Gesprächspartnerin: Prof. Dr. Sabine Schiffer Moderation: Dr. Andreas Goetze, Landeskirchlicher Pfarrer für den interreligiösen Dialog (EKBO)
https://www.urania.de/kalender