Tipps für Bildanalyse + Tag gegen antimuslimischen Rassismus

Liebe Interessierten,

zwar gab es Bildfälschungen lange vor der Erfindung ditigaler Technologien – Stichwort: Retusche – aber mit den neuen Medien sind die Möglichkeiten einfacher und vielfältiger geworden. In manchen Bereichen gehören sie gar zum Standard – etwa in der Werbung für Gesichtscremes oder Schlankmacher und in der Modebranche mitsamt dem Influencer Marketing.

Politische Brisanz erhalten Bildmanipulationen, wenn…

… sie Ereignisse verfälschen und gar zu Hass und Hetze aufstacheln oder gar Kriege legitimieren. Dazu bedarf es nicht immer digitaler Techniken, wie die angeblichen Massaker-Bilder aus Rugovo und Racak belegen, die angeblich getötete Zivilisten zeigten, dabei waren es zusammengetragene Milizenkämpfer. Diese Bilder mitsamt deren Instrumentalsierung von Scharpings Verteidigungsministerium führten uns in den 1990er Jahren in die erste deutsche Kriegsbeteiligung nach dem zweiten Weltkrieg und bescherten der NATO eine neue Doktrin, die bis heute federführend für weitere “Friedensmissionen” geblieben ist: siehe WDR Story “Es begann mit einer Lüge” https://www.youtube.com/watch?v=ZtkQYRlXMNU.

… sie Personen in einen falschen Kontext stellen und so Politikern oder anderen Dinge unterstellen, woran sie nicht beteiligt waren. Und das geht inzwischen auch mobil – also sowohl mit leicht zu installierenden Apps auf dem Smartphone herzustellen, als auch die mobile Peron in ihrer Bewegung mit einer anderen zu verschränken. Mit etwas ausgefeilterer Technik lässt sich heute in Echtzeit sogar jedem Politiker oder Schauspieler eigene Aussagen und Mimik unterlegen: sog. Deep Fakes, wie dieses hier: https://www.youtube.com/watch?v=cQ54GDm1eL0

… Situationen durch gefälschte Farben manipuliert werden, indem beispielsweise aus einem Wasserrinnsal optisch eine Blutlache wird, um Terror zu inszenieren oder wirklich schreckliche Ereignisse noch zu intensivieren. Dies geschah zum Beispiel beim Massaker von Luxor: https://www.nzz.ch/schweiz/das-massaker-von-luxor-schockiert-die-schweiz-ld.1327654.

Bereits an diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass Bilder ihre Beweiskraft zu unrecht haben. Der Authentizitätsbonus ist inzwischen sowohl beim Stand- als auch beim Bewegtbild stets (selbst-)kritisch zu hinterfragen.

Dass Bilder und auch Filmaufnahmen durch einen Kontextwechsel zudem ihre Bedeutung verändern, konnten wir 2014 in der Ukrainekrise erleben, als ein syrischer Hubschauber über der Ukraine abzustürzen schien – Youtube-Aufnahmen aus Syrien begleitet von “Allahu akbar-“Rufen, die auch die Tagesschau tonlos und unkritisch übernahm: Siehe u.a. Gerster, Petra & Nürnberger, Christian: “Die Meinungsmaschnine – Wie Informationen gemacht werden…”.

Aber eigentlich beginnt die Bildmanipulation schon früher, denn jedes Bild ist ein kleiner Realitätsausschnitt, eine Momentaufnahme, was sich aus dem Vergleich der berühmt gewordenen Aufnahme von Kim Phuc, die 1972 in Vietnam vor Napalmbomben floh und zur Bildikone der Antikriegsbewegung wurde, mit anderen Aufnahmen der gleichen Szenerie ergibt – die (potentielle) Wirkung ist eine andere, je nachdem welchen Bildausschnitt man wählt: https://www.welt.de/geschichte/gallery114225594/Phan-Thi-Kim-Phuc-Ikone-des-Vietnamkrieges.html.

Wer Zweifel über die Echtheit und Herkunft von Bildern hat, kann mit der Rückwärtssuche der Google Bildersuche oder https://tineye.com zumindest feststellen, wann und wo diese im Internet schon einmal aufgetaucht sind. Oder man wendet sich an professionelle Bildforensiker, vor allem wenn es sich bei Bildfälschungen um justiziable Aktionen handelt – z.B.:
https://www.medien-sachverstaendiger.de/digitale-bild-forensik oder https://www5.cs.fau.de/lectures/ss-16/original-oder-faelschung-seminar-bildforensik-semforensik

Eine sehenswerte Wissensdoku zum Thema empfehlen wir hier: https://www.3sat.de/wissen/wissenschaftsdoku/das-manipulierte-bild-102.html

Traue keinem Bild, auch keinem bewegten!

IMV News
Wir einnern an den Tod von Dr. Marwa El-Sherbiny am 1. Juli 2009, deren Mörder schnell abgeurteilt und Fahrlässigkeit von Behördenseite bis heute nicht untersucht wurde: https://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/20110715_IMV-Schiffer_InMemoriam-MarwaElSherbiny.pdf Die deutsch-israelische Künstlerin Noa Gur hat in einer Installation vor dem Bundeskanzleramt am 1. Juli 2019 dem 10. Jahrestag des Mordes gedacht – mit unserer Institutsleitung als Rednerin: https://www.youtube.com/watch?v=QYBs-iHaAHM Wie es bei Ahnmahnung von Versäumnissen und Fehlern aufgrund möglicher rassistischer Reflexe zur Verfolgung der Überbringer der schlechten Botschaft kommt, dafür steht der Prozess gegen die Interviewäußerungen von Sabine Schiffer exemplarisch: https://medienverantwortung.de/der-prozess. Das Thema Rassismus steht heute wieder auf der diskursiven Tagesordnung, weil es immer noch nicht ernsthaft angegangen wurde – und das hat Folgen: Hanau und der Lübcke-Mord mahnen. Rassismus tötet und Rassismusleugnung auch, wie viele andere Fälle bezeugen: https://medienverantwortung.de/informationsportale/rassismus-toetet. Der 1. Juli ist seit nunmehr 10 Jahren der Tag gegen antismuslimischen Rassismus.